Ruprechts Gesicht erhellte sich. „Super! Danke, Sir. Könnte ich auch zwei von diesen Tüten bekommen? Leber kann ich nämlich auch nicht ausstehen.“
Angewidert verzog der Weihnachtsmann sein Gesicht. „Immer eins nach dem anderen, lieber Ruprecht. Im übrigen glaube ich nicht, dass du dafür meine Hilfe benötigen wirst.
Erfahrungsgemäß erledigt sich das Leberproblem von allein … Nun geh und folge Petrus.“ Erfreut lief Ruprecht davon. Der Weihnachtsmann platzierte erneut seine Brille auf der Nase und kramte sich wieder durch die Zettel.
„Sophia?“, fragte er suchend.
Schüchtern trat Sophia vor. „Hallo Weihnachtsmann“, sagte sie zurückhaltend.
„Freut mich, dich kennenzulernen“, begrüßte er sie. Und hinter vorgehaltener Hand fügte er hinzu: „Hab übrigens vielen Dank für die Pfeffernüsse. Meine Frau ist immer sehr darauf bedacht, dass ich mich gesund ernähre. Hier darf ich nur sehr selten etwas naschen. Aber dort draußen im Wald kann sie mich nicht sehen, wenn ich die Köstlichkeiten aus den Wunschbeutelchen der Kinder verspeise.“ Amüsiert lachte der Weihnachtsmann auf und schüttelte mit beiden Händen seinen dicken Bauch.
Daraufhin musste Sophia auch lachen. Das beruhigte sie ein wenig und so hörte sie
gespannt, was der Weihnachtsmann ihr zu sagen hatte.
„Mein liebes Kind“, begann er wehmütig, „es tut mir leid, doch deinen Teddybären konnten wir nirgendwo finden.“
Traurig senkte Sophia ihren Blick.
„Alle meine Wichtel haben die gesamte Werkstatt abgesucht“, fuhr er fort. „Ich selbst habe
sogar bei der großen Suchaktion in den Hallen der abgelegten Spielzeuge mitgeholfen.
Doch es war nichts zu machen. Nicht einmal das verlorene Auge konnten wir dort
entdecken.“
„Aber könnte es nicht sein, dass ihr ihn einfach übersehen habt?“, fragte Sophia
verzweifelt.
Der Weihnachtsmann schüttelte den Kopf. „Ich fürchte nein. Einmal haben wir sogar alle sechsundzwanzig der vierzehn vermissten Flöhe des Flohzirkus eines Jungen namens Patrick wiedergefunden. Und das will schon etwas heißen.“ Wieder strich er sich nachdenklich über den Bart und blickte verwundert in die Leere. „Obwohl ich mir bis heute nicht erklären kann, wie der zahlenmäßige Unterschied der Flöhe zustande gekommen ist ...“, murmelte er vor sich hin.
„Kann ich dir vielleicht ein anderes Spielzeug oder einen neuen Teddybären anbieten?“,
richtete sich der Weihnachtsmann wieder an Sophia.
Traurig schüttelte sie ihren Kopf. „Ich danke dir vielmals für dieses Angebot. Doch es wäre nicht dasselbe.“
„Was kann ich dann für dich tun?“, fragte er das kleine Mädchen betrübt.
Sophia zuckte mit den Schultern. Nach kurzen Überlegungen antwortete sie: „Gestattest du vielleicht, dass ich selbst in diesen Hallen noch einmal nach meinem Bären suche?“
Wohl wissend, dass Sophias Suche ergebnislos verlaufen würde, stimmte der
Weihnachtsmann mit einem mutlosen Nicken zu.
Sophia bedankte sich und lief auf leisen Sohlen davon. Das Letzte, was sie noch aus der Halle hörte, war ein verzweifeltes: „Aber Kupernikus, wenn ich alle Lehrer dazu bringen würde, ununterbrochen zu Furzen, würde ja kein einziges Kind mehr die Schule besuchen!“
Als Sophia die Hallen der abgelegten Spielzeuge erreichte, war sie erstaunt über die
außerordentliche Fülle der dort gelagerten Dinge. Viele Kinder waren bereits auf der
Suche nach ihren Sachen und unzählige Wichtel waren damit beschäftigt, kaputte
Spielzeuge wieder zu reparieren und neu zu bemalen.
Aufgeregt lief Sophia die vielen Gänge entlang. Alles dort war schön sortiert und sie
bekam Dinge zu sehen, die sie sich nicht einmal in ihren Träumen hätte vorstellen können.
Vor einem bestimmten Regal blieb sie dann plötzlich stehen. „Moment mal“, murmelte Sophia. „Solch eine Puppe hat doch einmal mir gehört.“
Sie trat einige Schritte zurück, schaute nach oben und entdeckte am Kopfe des Regals in großen Buchstaben den Namen 'Sophia L.“
„Das bin ja ich!“, bemerkte sie begeistert.
Mit leuchtenden Augen erkundete sie alle Fächer. „Das sind ja alle meine Puppenkleider, meine alten Stofftiere und sogar die kleinen Bauernhoftiere, die mir der Großvater einst geschnitzt hat! Ich habe immer gedacht, dass all diese Sachen oben auf unserem Speicher stehen.“
„Das tun sie bestimmt auch noch“, entgegnete eine ihr unbekannte Stimme.
Als Sophia sich umdrehte, erblickte sie ein asiatisches Mädchen, welches ungefähr im gleichen Alter gewesen sein musste.
„Hallo. Mein Name ist Mai-Lin“, stellte sich die Kleine vor.
„Hallo. Ich bin Sophia“, entgegnete sie verwirrt.
Mai-Lins Augen leuchteten auf. „Oh, dann ist das hier Dein Regal! Von allen hast du die schönsten Spielzeuge. In der ganzen Halle gibt es keine besseren.“
„Dann kennst du hier alle Spielzeuge?“, fragte Sophia verwundert.
Das asiatische Mädchen nickte.
Sophias Augen leuchteten. „Dann hast du vielleicht meinen Bären gesehen?“ Ihm fehlt ein Auge und eines seiner Beinchen ...“
„... baumelt nur noch an einem Faden?“, beendete Mai-Lin den Satz.
„Oh, du kennst ihn also! Bitte sage mir, wo er sich befindet.“
Mai-Lins Miene bremste Sophias Begeisterung. „Es tut mir leid“, entgegnete das
asiatische Mädchen. „Ich habe nicht die geringste Ahnung, wo dein Bärchen stecken könnte.“
„Aber woher weißt du dann, wie er aussieht?“, fragte Sophia ungläubig.
Mai-Lin deutete in alle Richtungen. „Seine Steckbriefe hängen überall.“
Traurig lief Sophia zum gegenüberliegenden Regal, wo sich ein kleiner Junge über die stark mitgenommene Miniaturausgabe eines Jahrmarkt-Karussells freute. Enttäuscht nahm sie die Zeichnung ihres geliebten Bären ab und drückte sie fest an sich.
„Oh, gehört das etwa auch dir?“, fragte Mai-Lin Sophia, während sie begeistert über den Rücken ihres Schaukelpferdchens strich.
„Wie ist das denn hierher gekommen?“, fragte Sophia verwundert. „Vorhin hat es doch noch bei mir zu Hause in unserer Stube gestanden.“
„Dann wirst du es wohl nicht mehr benutzen?“, fragte Mai-Lin.
„Nein“, winkte Sophia ab. „Ich denke, ich bin langsam zu alt dafür. Mein kleinster Bruder hat es in den letzten Wochen sehr oft benutzt, doch morgen wird er sein eigenes Schaukelpferdchen bekommen.“
„Dann willst Du dieses schöne Pferdchen ablegen?“, fragte Mai-Lin.
Sophia zuckte mit den Schultern. „Sieht ganz danach aus“, erwiderte sie.
Schüchtern überlegte das asiatische Mädchen. Dann holte sie tief Luft und fragte: „Darf ich mich einmal drauf setzen?“
„Natürlich“, erwiderte Sophia. „Soviel du möchtest.“
Begeistert setzte Mai-Lin sich auf das Schaukelpferdchen, während Sophia erstaunt ihr Regal erkundete. Die beiden Mädchen kamen ins Gespräch und Sophia erzählte die Geschichten zu ihren abgelegten Spielzeugen. Keines von ihnen hatte je von einem Wichtel nachgearbeitet werden müssen, denn sie war immer sehr sorgsam mit ihren kleinen Schätzen umgegangen.
In der Zwischenzeit hatten sich auch ihre Freunde wieder eingefunden. Zusammen
schlenderten sie zurück in die Bäckerei. Als sie mit dem Naschen fertig waren, mussten sie sich zum Ausprobieren neuer Spielzeuge zur Verfügung stellen.
Kurz nach Mitternacht verabschiedeten der Weihnachtsmann und seine Wichtel die
Kinder. Inzwischen waren die kleinen Gäste müde geworden. Einigen fielen sogar schon die Äuglein zu.
Sophia umarmte ihre neu gewonnene Freundin. „Ich wünsche dir ein schönes
Weihnachtsfest“, flüsterte sie Mai-Lin zu. „Ich freue mich schon, wenn wir uns im nächsten Jahr dein Regal der abgelegten Spielzeuge ansehen.“
Traurig senkte das asiatische Mädchen ihren Blick. „Ich habe kein Regal mit Spielzeugen – weder alte noch neue. Wir können uns solche Dinge nicht leisten.“
Erschüttert schaute Sophia ihre Freundin an. „Ich habe immer gedacht, dass der
Weihnachtsmann jedem Kind seine Wünsche erfüllt.“
„Das würde ich gern“, ertönte seine Stimme hinter den Mädchen. „Doch leider liegt es nicht in meiner Macht, die Armut der ganzen Welt zu besiegen. Jeder Mensch hat nur eine bestimmte Anzahl von Bittgesuchen frei und bei vielen Familien steht die Wünsche gegen Hunger, Krankheit und Kälte an oberster Stelle.“
„Aber das ist ja fürchterlich“, flüsterte Sophia entrüstet.
„Das ist es“, stimmte der Weihnachtsmann zu.
Sophia überlegte. Irgendetwas musste es doch geben, was sie für ihre Freundin tun konnte.
„Kommst du?“, rief Franzi nach ihrer Cousine.
„Einen Moment noch“, erwiderte Sophia. Dann kam ihr eine Idee.
„Weihnachtsmann, wenn ich es richtig verstanden habe, lädst du die Kinder zum Nordpol ein, weil du ihnen einen besonderen Wunsch nicht erfüllen kannst.“
Der Weihnachtsmann nickte. „Stimmt genau.“
„Und dann suchst du zusammen mit diesen Kindern nach einer Möglichkeit, den Wunsch auf eine andere Art und Weise zu erfüllen.“
„Wieder richtig“, antwortete der Weihnachtsmann.
„Meinen Wunsch konntest du nicht erfüllen“, sagte Sophia traurig.
Bekümmert senkte der Weihnachtsmann seinen Blick und schüttelte den Kopf.
„Darf ich dann stattdessen einen neuen Wunsch aussprechen?“, fragte Sophia mit
leuchtenden Augen.
Der Blick des Weihnachtsmann erhellte sich. „Nur zu“, forderte er das Mädchen auf. Sophia schloss die Augen. Sie atmete tief ein und ließ die Ereignisse der letzten Stunden noch einmal Revue passieren. Dann sprach sie: „Weihnachtsmann, ich wünsche mir, dass du das Spielzeug aus meinem Regal der abgelegten Sachen unter den Armen Kindern dieser Welt aufteilst und als erstes soll Mai-Lin mein schönes Schaukelpferd bekommen.“